Keimkenner aus Aachen: Sebastian Lemmen

Sebastian Lemmen ist so etwas wie ein Motor der Krankenhaushygiene in Deutschland, ein leiser, aber starker. Frühe Spezialisierung, Blick über den Tellerrand in die USA, Aufbau einer eigenen Abteilung nach modernen Kriterien, und immer auf der Suche nach neuen Wegen, um die Aus- und Weiterbildung zu verbessern.

Seit 1997 leitet Lemmen den Zentralbereich Krankenhaushygiene und Infektiologie an der Uniklinik in Aachen. „Ich bin damals von der Uni Freiburg nach Aachen berufen worden und habe diesen Bereich dann eigentlich erst richtig aufgebaut“, erinnert sich der Hygiene-Experte, der nicht ohne Grund an das Uniklinikum geholt worden war: Als doppelter Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemologie plus Hygiene und Umweltmedizin und mit zwei Jahren Auslandserfahrung an der renommierten Harvard Medical School im amerikanischen Boston war er fundiert ausgebildet, gehörte zu den Vorreitern seiner Zunft. „Anfang der 90er Jahre war die Krankenhaushygiene in Deutschland noch sehr weit weg vom Patienten“, sagt der heute 56-Jährige, der sich seitdem mit guter Kondition an der Aufholjagd beteiligt hat, um die deutschen Standards zu modernisieren.

 

Neue Herausforderungen

Dass das Wissen über Prävention und Infektion immer wieder aktualisiert wird, ist für den Schutz vor multiresistenten Erregern besonders wichtig. Weil die Menschen immer älter und damit als Patienten immer abwehrgeschwächter werden. Weil die heutige Medizin so komplexe und verfeinerte Behandlungsmethoden kennt, die als negativen Begleiteffekt ein erhöhtes Infektionsrisiko mit sich bringen. „Der Chirurg mit der höchsten Komplikationsrate, das kann der Chef sein, weil der die kompliziertesten Sachen macht“, sagt Lemmen. Und dann ist da noch der Überlebenstrieb von Bakterien, der sie dazu bringt, evolutionäre Abwehrstrategien gegen Antibiotika zu entwickeln. „Die mikrobiologische Welt ist auf die Zeit gesehen klüger als unsere Medikamente. Und mit Antibiotika hat sie nun seit 70 Jahren Kontakt.“

 

Zusammenarbeit der Spezialisten

Heute arbeiten in der Abteilung von Prof. Dr. Lemmen fünf auf Infektionsprävention spezialisierte Ärztinnen und Ärzte mit acht Hygienefachkräften aus dem Pflegebereich und zwei medizinisch-technischen Assistenten des Labors zusammen, um Infektionen im Krankenhaus zu verhindern und zu behandeln, wenn sie sich nicht verhindern lassen. Bei 50.000 stationären Patienten pro Jahr in der Aachener Uniklinik ist viel zu tun: Die Hygienefachkräfte machen Begehungen, werden in behandelnde Teams eingebunden, schauen überall nach dem Rechten. Die Ärzte klären zum Beispiel, ob sich hinter einem Fieberschub eine Infektion verbirgt, die mit einem bestimmten Antibiotikum behandelt werden muss. Das Labor überprüft alle gefundenen Krankheitserreger und Übertragungsketten, kontrolliert die Keimfreiheit der medizinischen Instrumente und die Sterilität der Medizinprodukte aus der Apotheke.
Mindestens zweimal im Jahr erstattet Sebastian Lemmen außerdem den Bereichsleitern und Entscheidern in der Hygienekommission Bericht. Die neusten Forschungsergebnisse werden besprochen, empfohlene Innovationen gegen Kosten, Vorteile gegen Nachteile abgewogen. Der Experte gibt ein Beispiel aus der Zeit, als eine neue Creutzfeldt-Jakob-Variante zur Schlachtung von 400.000 Rindern führte und auch in den Krankenhäusern Probleme machte: „Wir haben diskutiert, was wir nun mit den Endoskopen machen, die bei Patienten mit Verdacht auf diese neuen Erreger für Magen-Darm-Spiegelungen eingesetzt wurden. Als Hygieniker war es leicht zu sagen: Die müssen wir alle ersetzen. Aber so ein Gerät kostet 20.000 Euro, da muss natürlich auch die Reinigung und Wiederaufbereitung geprüft werden.“

 

Eine App für die Weiterbildung

Die Aachener Spezialisten diskutieren nicht nur miteinander, sie geben das eigene Wissen auch in Weiterbildungen an andere Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen weiter. In regelmäßigen Tagesworkshops zum Verabreichen von Antibiotika, die seit über zehn Jahren gut angenommen werden. Oder mit der in Aachen entwickelten Hygieneleitfaden-App, die der Tatsache Rechnung trägt, dass auch medizinisches und pflegerisches Personal heutzutage gerne mithilfe des Smartphone lernt. „Mir geht es darum, die Prävention in die Köpfe aller Krankenhausmitarbeiter zu kriegen, das Verhalten zu ändern“, unterstreicht Sebastian Lemmen. Die NRW-weite Hygiene-Initiative zur Aufklärung über Keime und Infektionsschutz unterstützt er deswegen gerne. (Text veröffentlicht: 2015)

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